Buchtipp – Wendt: Warum die Pflege in Not ist

Klagen über den Pflegenotstand gehören seit Jahren zu den
täglichen Schlagzeilen, ebenso Konzepte zu seiner Beseitigung oder wenigstens
zur Verbesserung der Lage. Aber wie sieht das in der Praxis aus, sei es für die
Pflegekraft, sei es für die zu pflegenden Personen?

Maximilian Wendt hat Erfahrungen im Krankenhaus und in der
ambulanten Pflege gesammelt. Letztere bedeutet vor allem Zeitdruck, weil man
von Patient zu Patient Strecken bewältigen muss, vor allem aber, weil die Zeit
pro Patient knapp bemessen ist. Das hat weniger mit der leidigen Frage
„Privatpatient oder Krankenkasse?“ zu tun als damit,  dass der Arbeitstag vollgepackt ist mit
Terminen. Und man muss auch klar sagen, dass mancher „Notfall“, den jemand als
solchen empfindet, aus Sicht des Pflegepersonals keiner ist.  Einsamkeit mag da aus Patientensicht oft genug
den Hintergrund bilden.

Hat man es in der ambulanten Pflege durchaus mal mit skurril
anmutenden Menschen zu tun, gilt das natürlich auch für die Arbeit im
Krankenhaus, wobei Maximilian Wendt um manchen Kollegen und manche Vorgesetzten
nicht zu beneiden war. Wenn Eitelkeiten die Zusammenarbeit dominieren, macht
das diese natürlich nicht einfacher. Dass etwa eine Frau als Lehrkraft die
Fragen des Schülers Wendt nicht beantwortete, einfach, weil er ein Mann war,
liest sich wie ein Drehbuchausschnitt zu einer Comedy-Folge – und war doch pure
Realität. Mitschülerinnen übernahmen dann für den Azubi die Fragestellungen –
und prompt gab es Antworten.

Wendts Buch lässt Leserinnen und Leser oft ungläubig
staunen, wobei an seinen Schilderungen nicht zu zweifeln ist. Er verschweigt
aber auch nicht, wo ihm kollegiale Hilfe und Solidarität große Unterstützung waren.

Und wenn hier konsequent die Vergangenheitsform verwendet
wird, hat das seinen guten Grund. Nach zehn Jahren in der Pflege wechselte der
Autor, Jahrgang 1987, in eine Anstellung im öffentlichen Gesundheitsdienst. So
ist seine Bestandsaufnahme für ihn ein Rückblick, für viele Pflegende und
(potentielle) Patienten aber unverändert aktuell. Er hätte übrigens nebenbei
noch in der Pflege arbeiten können, rechtlich in Ordnung und vom neuen
Arbeitgeber als Nebentätigkeit abgesegnet. Dass sich das nicht realisieren
ließ, gehört zu den zahlreichen Paradoxien, von denen hier zu lesen ist.

Maximilian Wendt: Warum die Pflege in Not ist
.Erfahrungsberichte eines Gesundheits- und Kinderkrankenpflegers. Schwarzkopf
& Schwarzkopf Verlag; 9,99 Euro.

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