
Er wurde schon zigmal totgesagt, spätestens seit verschiedenen Reformen hat er auf Dauer ein fulminantes Comeback hingelegt. Der ESC (Eurovision Song Contest) ist aktuell wie nie. Die Zuschauerzahlen von 2019 belegen es: In den übertragenden Ländern saßen 45,3 Prozent der 15- bis 24-Jährigen vor dem Bildschirm. Insgesamt waren es 182 Millionen Fernsehzuschauer.
Die Zuschauerzahlen des ESC hätten heuer noch beeindruckender ausfallen können. Aber: Der aktuellen Situation wegen bleibt diese Überlegung reine Theorie, denn der Wettbewerb wurde erstmals seit seiner Austragung abgesagt. Das vorgesehene Motto „Open Up“ wirkt wie tragische Ironie, weil das genaue Gegenteil nötig wurde. Immerhin gab es zwei Alternativ-Shows, von denen der „Free ESC“ die spannendere war – mit Nico Santos, der den Sieg kurz nach Veröffentlichung eines eigenen Albums verdient davontrug (KÜS Newsroom 17. Mai 2020).
Und wer hätte im echten ESC um die Trophäe geworben? Island zum Beispiel, seit jeher mit einem Faible fürs Schräge dabei, diesmal mit einem geradezu philosophischen Thema. Im Internet gingen die Klicks schon durch die Decke, als die Wettbewerbs-Absage noch optional im Raum stand. Aksel Kankaanranta ist 21 und in seiner Heimat schon ein Top-Star. Als Vertreter Finnlands hätte er es auch europaweit werden können. Wie ernst die Suche nach einem wettbewerbsfähigen Beitrag mittlerweile genommen wird, zeigt ausgerechnet Frankreich: Der Schwede Thomas Gustafsson (kurz G:son), der Loreen ihren Siegertitel „Euphoria“ geschrieben hatte, steht auch hinter Tom Leeb. „Mon Alliée (The Best in Me)“ wäre zweisprachig ins Rennen um die Punkte gegangen. So ganz mochte die Grande Nation dann doch nicht auf die Muttersprache verzichten., sich aber auch nicht – wie bisher so oft – auf die eigene Chanson-Tradition verlassen. Schweden wiederum setzte auf ein Genre, das man im Heimatland von ABBA kaum vermuten würde- Gospel. Litauen gewann im ESC-Paralleluniversum im ersten Fernsehprogramm. Auch ein Kandidat für die Top Ten – wobei natürlich, wie jedes Jahr, erst einmal ein Halbfinale zu überstehen gewesen wäre. Ben Dolic, ohne Publikumsabstimmung für Deutschland als Teilnehmer gekürt, erntete im Vorfeld mit „Violent Thing“ Zustimmung wie zuletzt allenfalls Lena. Und die siegte ja mit „Satellite“ haushoch – was auch schon wieder zehn Jahre her ist
Fazit: Ersatz ist eben nur Ersatz, mag er auch spannend gestaltet werden. Es heißt also: Warten auf 2021. Die für 2020 Nominierten dürfen dann wieder ran, dann allerdings mit neuen Songs. So wollen es die ESC-Regeln. Bei den Niederlanden als Gastgeber wird’s hingegen bleiben, Duncan Lawrences 2019er Sieg für Oranje sei Dank.
CD-Tipp: Eurovision 2020 – A Tribute To The Artists And Songs. (PolyStar)
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