Volvo: Warntöne für Elektroautos – aus dem Soundstudio

Pontis Larsson könnte auch in einem Musikstudio sein Geld verdienen. Er hat dicke Kopfhörer auf dem Kopf, starrt auf seinen Computermonitor und beobachtet zuckende Linien, deren Zacken sich auf und ab bewegen. So schaffen die Profis neue Töne, die kein Instrument der klassischen Art erzeugt. Larsson mischt hier keinen Soundtrack zusammen, der sich später dann in der Hitparade hocharbeitet. Sein oberster Arbeitgeber ist auch kein Musikproduzent, sondern der Chef einer Autofabrik. Und die Klänge, die der Schwede mit flinken Händen auf vielen Reglern seines Pults heraustüftelt, sollen später im richtigen Leben Menschenleben retten.

Larsson erklärt: „Seit Sommer ist es Pflicht, dass neue
Autos mit Elektromotor oder einem Plug-In-Hybrid-Antrieb Töne von sich geben
müssen, die zum Beispiel Fußgängern oder Radfahrern als Warnung dienen. Die
Regeln dafür sind in den verschiedenen Regionen zwar ähnlich, aber eben doch
unterschiedlich.“ Im Göteborger Soundstudio von Volvo zeigt er, mit welchen
Paragrafen er sich herumschlagen muss. In Europa und China zum Beispiel muss
das Geräusch in einem hörbaren Bereich von 40 bis 60 Dezibel liegen und nach
dem Losfahren bis einschließlich Tempo 20 hörbar sein. In den USA muss sich das
Auto bei laufendem Motor bereits im Stand melden und darf erst ab 30 km/h
verstummen. Gemessen wird in zwei Metern Entfernung von einer gedachten
Mittellinie des Fahrzeugs jeweils an den Flanken.

Pontis Larsson dämpft die Erwartungen an allzu große
Kreativität der Soundkulisse, die sich künftig über die Innenstädte oder die
Riesen-Parkplätze der Einkaufszentren legt. „Natürlich könnten wir das Geräusch
galoppierender Pferde imitieren, die Werke berühmter Komponisten dem Auto
vorausschicken oder einen startenden Jet als Vorbild nehmen. Das hätte sicher
viel Spaß gemacht, aber unser Auftrag war nun mal ein anderer.“ Die Tonmeister
mussten also ein Geräusch schaffen, dass der Umwelt klar signalisiert, dass
sich hier ein Fahrzeug nähert. Insofern musste es an einen klassischen
Verbrenner erinnern, mit dem die hautnahe Begegnung nun mal gefährlich werden
kann.

Kein Wunder also, dass das Ergebnis, das jetzt erstmals zunächst im Stand an firmenfremde Ohren gelangen durfte, eher ernüchternd, wenn auch schwer erklärbar ist. Das Schnarren erinnert ein wenig an das Geräusch, dass zu hören ist, wenn bei einem Radiosuchlauf ein weit entfernter Sender erreicht wird, der sich mit einer Art Knarzen meldet. Es könnten aber auch die knatternden „Klänge“ eines Stücks Pappe sein, dass bei einem Fahrrad zwischen die Speichen gesteckt wird. Versuche haben laut Larsson gezeigt, dass dieser Volvo-Sound vom menschlichen Gehör gut aus der normalen Geräuschkulisse der Umgebung herausgefiltert werden kann.

Das änderte sich, als draußen vor dem Werksgebäude bei
Göteborg ein mit diesem Klang ausgestatteter Volvo XC 60 auf regennasser
Fahrbahn vorbei rollte. Das Platschen des vom Reifenprofil verdrängten Wassers
übertönte das künstliche Motorgeräusch deutlich. „Ist doch gut so“, erklärt der
Techniker. „Auch an diesem natürlichen Klang erkennt ein Fußgänger, dass sich
ihn ein Fahrzeug nähert. Und darum geht es schließlich.“

Völlig unterschiedlich dagegen sind die Töne, die der Volvo
beim Einlegen des Rückwärtsgangs produziert. Sie ähneln dem Gepiepe, das
Lastwagen oder Gabelstapler heute schon beim Rangieren von sich geben. „Wir
haben unseren Sound aber einem Personenwagen angepasst, der nun mal viel feiner
und sanfter klingen muss“, lächelt Larsson. Das Ergebnis überzeugt. Ein
rückwärtsfahrender Volvo meldet sich durch helle Töne in kurzem Abstand. Sie
muten ein wenig an wie ein Ausschnitt aus dem Erfolgsfilm „Das Boot“. Wenn dort
die Schiffe an der Wasseroberfläche ein U-Boot jagen, sendet ein Peilgerät
Schallimpulse aus, die vom getauchten Bootskörper reflektiert werden. Dieses
bedrohliche „Ping“ nutzt jetzt auch ein elektrisch angetriebener Volvo. Ebenso
wie an der Front des Autos sorgt ein wasserfester Laufsprecher im Bereich der
Stoßfänger für die Wiedergabe der Töne.

Als erster Volvo wird die rein elektrische Version des
Kompakt-SUV XC40, die im nächsten Herbst erscheint, die künstlichen Töne
nutzen. Es folgen dann die Stromer und Hybrid-Modelle, die neu auf den Markt
kommen. Allerdings gibt es keine Vorschriften, wie die einzelnen Hersteller
ihre E-Autos vertonen werden. Denkbar ist auch, dass Zubehörfirmen künftig
spezielle Sounds entwickeln, die man sich dann in sein E-Auto laden kann,
vergleichbar mit herunterladbaren Klingeltönen fürs Handy. Eine Gefahr, die
Volvo-Mann Pontis Larsson nicht sieht: „Das wäre sicher zu kompliziert, weil
dafür ja die Fahrzeugelektronik angezapft werden müsste. Und die ist heutzutage
so sensibel, dass sich keine kleine Firma heranwagen wird.“

Source: New feed